Wo die Welt noch in Ordnung ist – Das Bauernhaus von Berta Schneider

In meinem neuen Bloggbericht, mache ich mit euch eine kleine Zeitreise. Klein, deswegen, da die Hauptperson in ihrem Häuschen, um welches es heute geht, noch bis 1986 gelebt hat. Die Rede ist von der vierten Tochter der Familie Schneider, letzte Bewohnerin des Schneiderhof, uns nun heute bekannt als Berta Schneider.

Die Geschichte selbst beginnt aber ein paar Jahrhunderte früher. Wir schwelgen gedanklich zurück bis ins Jahr 1696, denn dort wurde das Haus, welches ich euch heute vorstellen möchte, erbaut.

Das kleine Schwarzwaldhaus mit seinem urigen Bauerngarten und der angrenzenden Obstwiese liegt hoch in mitten des kleinen verträumten Örtchens Kirchenhausen im lieblichen Wiesental. Von hier aus kann man weit über das grüne Tal, bis vor nach Lörrach und Basel schauen, bei klarer Sicht zeigen sich sogar die Schweizer Alpen .

Ich war an einem Sonntag, mit Wolkenverhangenen Himmel und hier und da durchscheinender Sonne unterwegs, im Wiesental. Meine Tour führte durch Kirchenhausen und ich entschied mich kurzerhand am Bauernhaus anzuhalten, um es eigentlich nur mal von außen betrachten zu wollen. Dort traf ich zur rechten Zeit am rechten Ort ein, denn es sollte gerade eine Führung stattfinden, der schloss ich mich natürlich an. Ich hatte sowieso meine Kamera dabei und es traf sich super, dass nicht zu viele Besucher vor Ort waren, um so das Häuschen von allen Seiten und in seinen kleinsten Details zu fotografieren. Die Stimmung ums Haus war fantastisch, es begann sich gerade ein kleiner Regenschauer zusammen zu brauen und so wirkte es irgendwie noch anziehender.

Die Führung begann und ich hörte gespannt der Historie des Hauses und der Geschichte um die Familie Schneider, vor allem von der jüngsten Tochter Berta, zu.

Beim Schneiderhof handelt es sich um einen sogenanntes Hochsäulenhaus in Vorbergzone aus dem Schwarzwald. Es wurde damals und auch bei der späteren Renovierung sehr viel mit Naturprodukten wie Holz, Sandstein, Lehm erbaut. Das Dach ist aus einer besonderen Art Getreide gearbeitet und eingedeckt, im hinteren Teil davon wurde es mit Ziegeln versehrt, damit das Dach stabil bleibt und die Stallungen erhalten bleiben. Nach dem Tod der Berta Schneider, im Jahr 1986 war das gesamte Haus in einem maroden Zustand. Die obere Etage , war durch den Einsturz des Daches nicht mehr bewohnbar. Somit hatte Berta, die letzten Jahre nur im unteren Teil des Hauses gelebt.

Der ein oder andere von euch wird sagen: „gelebt“? Soll das lebenswert gewesen sein? In einem Haus, dessen Dach eingefallen war? Ja , für Berta Schneider war es das genau. Mit ihren Worten: „Mir längt‘s! S goht au so! I bi z‘friede!“

Ja Berta war schon ein ganz besonderer Mensch und wohl noch eine stärkere Persönlichkeit, als man es sich von so einer kleinen Frau vorstellen könnte. Nach dem Tod ihres Vaters 1944 bewirtschaftete sie den Hof ganz alleine, sie blieb stets sich selber treu und war bis zu ihrem eigenen Ableben im Jahr 1986 im stolzem Alter von 91 Jahren, mit Fräulein Berta Schneider anzusprechen, da sie nie verheiratet war. Welcher Mann hätte ihr, einer Frau die zu dieser Zeit schon so emanzipiert war, ihren Hof als Selbstversorgerin bewirtschaftet und als bekennende Vegetarierin, lieber mit ihren Tieren sprach, das Wasser reichen können!

Wir beginnen aber nun mit unserem Rundgang draußen vorm Haus, denn dort gibt es schon das Ein oder Andere zu bestaunen, ja staunen. Denn so eine Lebensweise und die Arbeitsplatz Begebenheiten, wie zum Beispiel die kleine Schmiede im Erdgeschoss des Häuschens ist für uns heute undenkbar. Das dort Menschen tagtäglich ihre Zeit verbracht haben, um im Winter Geld für die Familie zu erwirtschaften, oder fürs Frühjahr genug übrig war, um Felder zu bestellen, oder Reparaturen an so einem Schwarzwaldhaus vor zu nehmen. Würden wir dies heute noch so umsetzen können?

Nun laufen wir mal rund ums Häuschen herum, es gibt noch mehr zu sehen. Da sind zum Beispiel noch ein Stall und eine Heubühne, mit alten Arbeitsgeräten zu besichtigen. Mit einfachen Mitteln wurde damals gearbeitet, es muss eine harte Zeit gewesen sein und doch hab ich das Gefühl die Menschen waren glücklicher, oder besser gesagt zufriedener.

Es gab kein fließend warm Wasser und kein elektrischen Strom, so musste man sich handwerklich gut organisieren. Zum Ausklang des Tages beschäftigte man sich mit Handarbeit, die Männer reparierten Arbeitsgeräte und die Frauen versorgten die Kinder und den Haushalt und kümmerten sich um Näharbeiten. So war man am nächsten Tag wieder gut vorbereitet und die Werkzeuge für die anstehende Arbeit gerüstet. Man erzählte sich vom Tag und was es als nächstes zu bewältigen gab.

Man unterhielt sich und so wusste auch jeder, was er zu tun hatte. Ich glaube nicht das dieses Leben langweilig war, vielleicht hart, aber nicht langweilig. Immerhin traf man sich ja auch mit Nachbarn und half sich gegenseitig auf den Feldern und am Haus, oder bei der Viehwirtschaft. Man kommunizierte und auf den Dorfplatz tauschte man sich aus, den neuesten Tratsch und wer braucht wen oder was…

Nun schreiten wir also weiter und so stehen wir endlich vor der kleinen Holztüre, wo uns die winzige private Welt der Berta Schneider geöffnet wird. Nicht nur die von Berta, nein auch die ihrer Vorfahren und die anderen Familien die hier gewohnt haben. Teilweise wurde dieses kleine Häuschen als sogenanntes Doppelhaus von zwei Familien bewohnt und jede Familie hatte damals, anders wie heute, bis zu sechs, oder mehr Kinder. Für uns nun wieder einmal undenkbar. So ein kleines Haus und doch soviel Platz für die Menschen, die es bewohnten und ihr Leben hier bestritten. Kann sich das einer von euch da draußen noch vorstellen?

Zuerst wird es gleich mal ganz dunkel beim betreten des Hauses, denn wir befinden uns unmittelbar in der schwarzen Küche und nein sie ist nicht schwarz gestrichen, sie ist schwarz vom Ruß, welcher über die Jahrhunderte hier entlang schwelgte und es zu Schauvorstellungen immer noch tut. Denn der Rauch ist immer noch im Einsatz alle paar Monate und es wird hier ein leckerer originaler Schwarzwald Schinken hergestellt, den man in der kleinen Metzgerei in Steinen käuflich erwerben kann. Ich werde es gleich morgen umsetzen und mir ein Stück holen, denn es gibt ihn nur so lange der Vorrat reicht.

Eine alte Redewendung , hat hier ihre Bedeutung gefunden. Da die Schinken und Würste, durch das Abhängen, an Fett verloren , tropfte dies immer mitten auf den so „sauberen“ Küchenboden. Damit man nicht ausrutschte, stelle man eine Schale darunter, damit man das Fett auffangen konnte, welches man dann wiederum zum anbraten genommen hat. Wenn nun jemand zu Besuch kam und dieser etwas unvorsichtig eintrat, dann sagte die Hausherrin: „Vorsichtig! Tritt nicht in das Fettnäpfchen.“

Heute ist diese Redewendung nur noch selten in Gebrauch und wenn, dann ist jemand damit gemeint, wo sich dabei befindet, sich durch unangebrachtes Benehmen oder Ausdrucksweise , seinen Gegenüber unvorsichtig zu kränken, beziehungsweise eine falsche Bemerkung zu machen. Also immer schön aufpassen, nicht ins Fettnäpfchen treten…

Auf Bertas Haus besteht noch ein altes Brennrecht, es wurde und wird hier oben Schnaps und Likör gebrannt und auch hierzu gibt es eine kleine Geschichte.

Berta ist vor ihrem kleinen Küchenofen mal hin und wieder eingedöst, also hat ein Schläfchen gemacht. Eines Abends ist dabei mal etwas angebrannt und die ganze Pfanne, samt Bertas Arm ging in Flammen auf. Sie reagierte recht schnell und unter Schock tat sie das einzige, was ihr in diesem Moment als richtig erschien und es war richtig, denn es hat funktioniert. Sie losch die Brandwunde mit dem Vorlauf vom Schnaps, also dem reinen Alkohol, das müssen höllische Schmerzen gewesen sein. Ich weiß nicht wie stark diese Frau war, aber sie war wirklich unglaublich. Sowas hält der stärkste Gaul nicht aus. Euch Jungs da draußen, lasst euch sagen, sie hätte über eine „Männergrippe“ nur gelacht!

Gehen wir lieber zügig weiter, schauen mal in die urige Stube hinein. Hier ist es doch schon viel gemütlicher, mag jemand a Schnäpsla 😅

So schön besinnliche zusammen sitzen, lesen, singen, Gespräche führen. Oder noch schnell am Abend in den Wintersocken die Löcher stopfen, den Weidenkorb fertig flechten, mit der Nachbarin oder dem Postboten ein Plausch halten bei Kaffee und selber gebackenen Waffeln. Ja, hier kann man es paar Stündchen aushalten. Bestimmt schön kuschelig warm an diesem alten Kachelofen, in den Wintermonaten.

Wenn wir links durch die Tür gehen, kommen wir in ein kleinen Raum, welchen Berta zum Schluss als ihr Schlafzimmer nutzte. Ganz so ordentlich war es zu ihren Lebenszeiten nicht, da einige ihrer Hühner und Enten sich hier aufhielten. Sie pflegte dann zu sagen: „ kommt meine Lieben, wir gehen jetzt ins Näscht.“ Näscht ( Nest) damit hat sie ihr Bett gemeint.

Dies meine lieben Leser war die untere Etage, dieser Doppelhaushälfte, begeben wir uns nun also nach oben, aber vorsicht… nein kein Fettnäpfchen, eher Kopf einziehen. Die Decken und Balken sind hier nicht nur sehr niedrig, sondern auch sehr hart.

Nun sind wir also im oberen Teil des Hauses angekommen und hier können wir einen Einblick in die Schlafzimmer der Familie Schneider und deren Vorfahren bekommen. Wie schon erwähnt, hatten die Menschen zu der damaligen Zeit, oft mehrere Kinder. Diese schliefen nicht wie heute, in ihren eigenen Zimmern, sondern direkt bei den Eltern, oftmals sogar mit im Bett der Mutter. Daher ist, wie ihr gleich selber sehen könnt, die eine Bettseite breiter, als die andere. Daran ist deutlich zu sehen, wie die Eheleute ihr Leben nach ihren jeweiligen Aufgaben in ihrer Familie aufteilten und anpassten.

So hatte ein Mann, der als Vater von mehreren Kindern, dafür sorgen musste den Unterhalt für die Familie mit harter Arbeit zu erwirtschaften, seine eigene schmalere Bettseite für sich allein, damit er genügend Schlaf für den nächsten Tag bekam. Während der Frau, die als fürsorgliche Mutter, für das Wohl der Familie und zur Behütung des Nachwuchses verantwortlich war, die breitere Seite zur Nachtruhe bekam.

Somit lagen bei ihr noch oft die kleinsten Nachkömmlinge mit im Bett, damit diese es warm hatten. In den Schlafräumen gab es nämlich keine elektrische Heizung und auch keinen Kamin und die Winter hier im Südschwarzwald, waren dazumal noch viel strenger und kälter, als wir es heute erleben.

Ich schaute mich noch ein wenig um und der Museumsführer deutet auf eine Klappe in der Wand, welche eine großer Bedeutung zu der damaligen Zeit hatte. Heutzutage sieht man so eine Vorrichtung nicht mehr in den Häusern.

Ich weiß nicht, ob man es wirklich gut erkennen kann, bitte einfach das Bild anklicken und vergrößern. Über dem Stapel mit der weißen Wäsche befindet sich ein kleines Fenster, welches man durch eine Klappe auf und zu schieben kann. Dies ist das sogenannte Seelenfenster, es wurde geöffnet, wenn jemand in diesem Raum gestorben war und durch dieses kleine Fenster konnte die Seele aus dem Raum zum Himmel entsteigen, um ihren Frieden zu finden. Das hat mich, wie alles hier in Bertas Haus schwer beeindruckt.

Wir werfen noch einen Blick ins Nebenzimmer, dort standen noch alte, gut erhaltene Werkzeuge und Haushaltshilfen zur Besichtigung aus.

Hier sind wir am Ende unserer Reise in die Vergangenheit angelangt.

Ich bin immer wieder fasziniert von dem Schneiderhof hier oben im kleinen Wiesental, er hat so etwas friedliches an sich. Als hätte jemand die Zeit angehalten, die Welt steht hier für einen Moment, ganz still.

Ich entfliehe gern dem Alltagstrott, mit Stress und Hektik, hier oben kann ich kurz bei dem kleinen Häuschen inne halten und durchatmen.

Ich hoffe, nein eigentlich bin ich dieses Mal überzeugt, euch hat diese Zeitreise mit mir gefallen! So lasst uns noch einen Moment hier vor Bertas Haus und Hof verweilen und wir sehen uns entspannt irgendwo auf dieser Welt wieder. Wer weiß schon, was morgen kommt und wo die Reise hingeht… eure Heike

http://www.bauernhausmuseum-schneiderhof.de

http://www.naturpark-suedschwarzwald.de

http://www.steinen.de

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